Chronik & Geschichte

Die Geschichte des Gebäudes, in dem seit 1995 das Kulturamt der Stadt Augsburg das Kulturhaus abraxas betreibt, ist ein Prozess im Bruch. Es wurde 1936 von der nationalsozialistischen Wehrmacht errichtet – als Offiziersheim für die damals entstehenden Somme-, Arras- und Panzerjäger-Kasernen. Zur Somme-Kaserne – benannt nach der Schlacht an der Somme 1916 und heute noch in der Adresse ablesbar – gehörten auch die jetzt noch sichtbaren Gebäude Sommestraße 38, 40 und 50.

 

Wegen seines hohen Zeugniswerts für eine architektonische Auffassung des Nationalsozialismus steht das Gebäude seit 2006 unter Denkmalschutz. Dem Geschmack der Nazi-Zeit entsprechend, findet man im "Altbau" archaisierend-pompösen Marmor und Muschelkalk, funktional ausgerichteten Stils den sogenannten Heimatstil mit Zitaten "typisch deutscher" (in diesem Fall: süddeutscher) Regionalbauweisen wie Zwiebelturm und hohem Satteldach. Solche Ornamente brachte die Wehrmacht nur an Repräsentativbauten an, wie es das Offizierskasino war. Mannschafts- und Funktionsgebäude wurden reichsweit nach denselben Standardplänen gebaut. An den drei gleichartigen Häusern links vom abraxas entlang der Sommestraße kann man das noch sehr gut beobachten.

Im Kasino dagegen drückt sich das Elitebewusstsein der Offiziere in der Verwendung teurer Baumaterialien aus: Muschelkalk und roter Marmor, Eichenholztüren, aufwändig gestaltete Gitter und Holzvertäfelungen. Das Kasino bot exklusive Räumlichkeiten für Empfänge, die Wände der repräsentativen Räume waren mit Seide bespannt. Im heutigen Theater wurde getanzt, wobei auf dem jetzigen "Technikerbalkon" die Kapelle aufspielte.

Der in der Ukraine geborene Roman Korol verbrachte von 1945 bis 1949 Teile seiner Kindheit in einem Lager für Displaced Persons in Augsburg. Das Lager befand sich in der Somme-Kaserne, einer ehemaligen Nazi-Kaserne, die später unter dem Namen Reese Barracks von der US-Armee genutzt wurde. Im Sommer 2015 besuchte Roman Korol die frühere Somme-Kaserne, die zu diesem Zeitpunkt bereits ein Kreativquartier war, bestehend aus Kulturhaus abraxas und Kulturpark West. Interview: Tobias Brenner und Gerald Fiebig / Kamera, Schnitt und Untertitel: Toni Bihler / Übersetzung: Gerald Fiebig

Mit zwei Audiowalks kann man die Geschichte von Nationalsozialismus und US-Präsenz an Originalschauplätzen im Augsburger Stadtraum erkunden:

Audiowalks

Der wichtigste Bruch in der Geschichte des Gebäudes war ohne Zweifel die Beendigung der nationalsozialistischen Herrschaft in Augsburg durch die US-Streitkräfte am 28. April 1945. Die Somme-Kaserne wurde dann von 1945 bis etwa 1949 primär von der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) genutzt. Diese Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen kümmerte sich zusammen mit der amerikanischen Militärverwaltung um die Versorgung von "Displaced Persons" (DPs) – Menschen, die aufgrund der Kriegsereignisse ihre Heimat verlassen mussten. In der Somme-Kaserne brachte die UNRRA vorwiegend Menschen aus der Ukraine unter, die vor Repressionen der Roten Armee nach Westen geflohen waren. Das Flüchtlingslager bestand nicht nur aus den heute noch existierenden Gebäuden des ehemaligen Kulturpark West, sondern auch aus zusätzlich errichteten Baracken. Zeitweilig lebten dort bis zu 4000 Menschen. Zu diesem bislang wenig erforschten Kapitel der Augsburger Stadtgeschichte entstand 2015 ein Videointerview mit dem Zeitzeugen Roman Korol. In der Ukraine geboren und heute in Kanada lebend, verbrachte er einen Teil seiner Kindheit in der Somme-Kaserne.

Der nächste Umbruch in der Geschichte des Gebäudes war dann der Übergang zur Nutzung der Kasernen durch die US-Streitkräfte selbst. Die U.S. Army quartierte ihre Truppen in unzerstörte Gebäude der NS-Kasernen ein. Etwa 1953 legten sie die drei Kasernen in Kriegshaber zu einer zusammen und nannten diese "Reese Barracks". Zu diesem Zeitpunkt errichtete die US-Armee auch den eingeschossigen Anbau, der heute die Kunsthalle BBK beherbergt. Der funktionale, klar gegliederte, mit großen Fenstern für viel Tageslicht versehene Anbau aus den 1950er Jahren zeigt eine klaren Bruch mit dem pathetischen Stil des NS-Gebäudes.

Das Offizierskasino wurde in den 1950er-Jahren zunächst zum "Bavarian Cross Roads Club" und später zum "Family Recreation Center" –  ein Freizeitcenter für die GIs und ihre Familien – umfunktioniert.

Die US-Armee stattete das Gebäude mit einer kleinen Snackbar und einem "Music Center" mit Tonstudios und Übungsräumen aus. Der Flachbau von 1953 wurde zuerst als Kantine, ab 1970 als "Pool Hall" und Keramik-Center und ab 1980 als Fitnesscenter genutzt. In den 1980ern wurde das "Recreation Center" aufwändig und möglichst originalgetreu saniert, 1986 der ehemalige Tanzsaal mit Orchesterbalkon zum Theater umgebaut – bis 2019 waren die Sitztribüne und die U.S.-amerikanische Bestuhlung in Benutzung.

SOAP hieß eine Amateurband aus dem „Family Recreation Center“ der Reese-Kaserne, die 1971 in einem US-Army-internen Wettbewerb eine LP-Produktion gewann. (Die andere Band des Doppel-LP-Sets hieß East of Underground.) Die SOAP-Platte wurde 2015 im Kulturhaus abraxas gefunden und bildete die Basis für zwei Arbeiten des Augsburger Medienkunst-Duos lab binaer, die 2016 in der Hörgalerie „loop30“ im abraxas gezeigt wurden. „Soap A“ besteht aus einer modifizierten Munitionskiste mit einem Schieberegler, diese ist verbunden mit einem Plattenspieler, auf dem die Original-LP liegt. Dieser Aufbau ermöglicht es dem Benutzer, durch die Geschichte der Kriegsaktivität der letzten 50 Jahre zu navigieren. „Soap B“ ist ein Karussell auf Basis eines modifizierten Plattenspielers, der die Original-LP in originaler Geschwindigkeit wiedergibt. Auch auf den amerikanischen Volksfesten neben dem heutigen abraxas konnte man diese Symbole der Vergnügungsindustrie finden.

Atrium, Bühne, Restaurant, Ateliers, eXperimentelle Musik in Augsburg an der Sommestraße

Der Name abraxas - eine Idee von Kulturreferent Dr. Ludwig Kotter (1995)

Dass seit 1995 die Stadt Augsburg das Kulturhaus abraxas betreiben kann, war ebenfalls das Ergebnis eines historischen Umbruchs: Der Zerfall des Ostblocks machte den Abzug der US-Streitkräfte möglich. Mit dem Abzug der Alliierten aus Augsburg bot sich an, das gut erhaltene Gebäude mitsamt seinen Einrichtungen wie Theater und Café zu erhalten und, unter Federführung der Stadt Augsburg, einer kulturellen Nutzung zuzuführen. 1994 stimmte die U.S. Army in einem bundesweit einmaligen Vorgang zu, das Theater-Equipment mit Einbauten an die Stadt Augsburg zu verkaufen. Das Gebäude darum herum mietete die Stadt beim Bundesvermögensamt (dem Verwalter der Konversionsflächen) und eröffnete im November 1995 das Kulturhaus abraxas. 

 

Im Spätsommer 1995 wurde mit den Umbau- und Renovierungsarbeiten begonnen. Der Konversionsausschuss der Stadt hatte hierfür DM 400.000 zur Verfügung gestellt. Das Konzept des Hauses orientierte sich an den britischen »art centres«. Unter einem Dach sollten Künstlerateliers, Musikübungsräume und Räume für Veranstaltungen aller Genres versammelt werden. Das Haus sollte der freien Augsburger Kulturszene als künstlerische Heimat und Plattform für kreativen Austausch dienen. Die Nachfrage war riesig: innerhalb weniger Tage konnten alle Ateliers und Musikräume vermietet werden, bis heute werden Wartelisten geführt. Im Dezember 1995 erlebte das Theater seine erste Aufführung nach dem Umbau. Als letzter Gebäudeteil wurde im Januar 1996 der Nordflügel geöffnet. 1998 begann die regelmäßige Nutzung des abraxas als Spielstätte für Kinder- und Jugendtheater.

 

Seit 2018 ist das abraxas ein solidarischer Ort im Netzwerk Solidarische Stadt Augsburg - ein Ort, an dem kein Mensch aufgrund von Alter, Aussehen, Behinderung, Geschlecht, Herkunft, Religion und/oder sexueller Orientierung diskriminiert wird. 2019 wurden das Bühnenparkett aus den 1930er- und die Theaterbestuhlung aus den 1980er-Jahren ersetzt. Von Juni bis September 2019 erneuerte die Stadt Augsburg mit Unterstützung des Kulturfonds Bayern den Theatersaal komplett. Diese größte Modernisierungsmaßnahme seit der Übernahme des Gebäudes durch die Stadt Augsburg stellt den Betrieb des Hauses auch für die nächsten Jahrzehnte sicher. Seit 2020 verfügt das Gebäude auch über einen barrierefreien Zugang zum Theater- und Gastronomiebereich.